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14.11.2007 Ein Interview mit Lucien Masmejan, Rechtsanwalt für Alinghi

Während Beilegungsgesprächen am Abend des 12. Novembers kündigte BMW Oracle Racing unerwartet fünf neue Forderungen an, welche die grundsätzlichen Abmachungen beeinflussen, die kürzlich von allen gemeldeten Teams im 33. America’s Cup verabschiedet worden waren.
 
BMW Oracle wurde jede Gelegenheit gegeben, sich zum Wettkampf anzumelden und dem Konsultationsprozess mit allen Mitbewerbern beizutreten, um die Regeln für den 33. America’s Cup zu entwickeln. Sie zogen es vor, diesem Prozess fernzubleiben. Die Société Nautique de Genève als Treuhänderin des America’s Cup wird unter keinen Umständen einem Drittpartei-Herausforderer, der kein Commitment für den 33. America’s Cup abgegeben hat, ein Vetorecht über die Regeln und Abmachungen zugestehen, die von allen anderen gemeldeten Herausforderern getroffen worden sind.

Alinghi gibt BMW Oracle bis am 16. November Zeit, zu entscheiden, ob sie dem Wettbewerb beitreten und die Rechtsklage zurückziehen oder den America’s-Cup-Event im Jahr 2009 gefährden. Sie haben sich aus purem Egoismus dafür entschieden, einen Anlass im Jahr 2009 zu gefährden.

 
Alinghi wird nun die Entscheidung des Supreme Court of New York abwarten und hofft, dass BMW Oracle sich mit dem Urteil des Gerichts abfindet und den Rechtsstreit nicht durch die Instanzen weiterzieht in der Absicht, den 33. America’s Cup weiter zu stören, und so die Möglichkeiten anderer Challenger sich anzumelden untergräbt, um sich selbst einen kompetitiven Vorteil zu verschaffen.
 
Lucien, was ist Ihre Rolle?
Ich bin Mitglied des Vorstands von Alinghi und ich bin in meiner Funktion als Rechtsanwalt tätig, um die Interessen von Alinghi in gewissen kritischen Situationen zu vertreten.
 
GGYC ist enttäuscht, dass aussichtsreiche Beilegungsverhandlungen abgelehnt wurden. Ist das wahr und falls ja, weshalb hat Alinghi die Verhandlungen abgelehnt?
Die Wahrheit ist, dass wir sie angerufen haben und ihnen gesagt haben, dass wir nicht weiter verhandeln werden und dass sie dem Wettbewerb beitreten und ihre Rechtsklage fallen lassen müssen. Dies ist die Konsequenz aus einer ganzen Reihe von Ereignissen, die ich kurz wie folgt zusammenfassen möchte: Letzte Woche erhielt ich einen Anruf von Russell Coutts. Er sagte mir, er wolle wissen, weshalb die Beilegungsgespräche nicht schneller vorankämen. Ich sagte ihm, dass sie ihre Position definieren sollen und wissen müssten, was sie tun wollen. Nach diesem Anruf, führten wir mehrere Telefongespräche mit Melinda Erkelens, der Anwältin von BMW Oracle, und ich hatte das Gefühl, dass wir ordentlich vorankamen mit den Verhandlungen, die Grundlage dafür war ein Neun-Punkte-Brief, den Oracle vor einigen Wochen geschickt hatte. Am Montagabend rief mich Melinda an und sagte, dass das in Ordnung sei, aber dass sie darüber mit Russell geredet hätte und er nun fünf weitere Punkte habe, die nicht auf der Liste seien. Darunter war ein Hauptpunkt, der die Autorisierung von Zwei-Boote-Tests ab 1. März 2009 erlaubt. Das zerstört das gesamte Programm an Kostensparmassnahmen, das wir mit der Zustimmung der Challenger aufgestellt haben. Sie kam also mit diesen fünf neuen Forderungen zurück und ich sagte ihr, dass ich dies nicht akzeptieren könne und mich mit meinen Leuten beraten müsse. Ich schlug vor, dass wir die Punkte bis am folgenden Tag durchgehen würden. Dienstagmorgen rief ich sie zurück und erklärte ihr, dass diese neuen Punkte ein grosses Problem seien. Sie sagte: „Diese Punkte sind wichtig für uns, ihr müsst daran denken. Wir brauchen diese Punkte.“ Darauf führten wir eine Analyse in unserem Team durch und sagten, dass wir auf dieser Basis nicht verhandeln können. Man versucht, Probleme zu lösen, man identifiziert die Probleme, man konzentriert sich auf diese Probleme, man ist kurz davor, diese Probleme zu lösen und dann kommt die Gegenseite mit fünf neuen Problemen zurück. Es ist eine unendliche Geschichte und es ist nicht das erste Mal in diesen Verhandlungen, dass dies passiert. Deshalb können wir auf dieser Basis nicht weiter verhandeln.
 
Weshalb wurde die Frist für den GGYC, um seine Position betreffend Teilnahme offen zu legen, gerade auf den 16. November um 17.00 Uhr festgesetzt und welche Motivation steckt hinter diesem Ultimatum?
Die Motivation ist, dass wir einen Event organisieren wollen. Um mit dem Cup voranzukommen mit dem Support aller Challenger, braucht man Gewissheit, und zwar auf Seiten der Teams ebenso wie auf Seiten der Organisation. BMW Oracles Rechtsklage hat nur eines bewirkt: Ungewissheit. Das Ultimatum soll uns allen wieder etwas Sicherheit bringen. Wenigstens werden wir nach Ablauf der Frist wissen, ob BMW Oracle sich anmeldet und die Rechtsklage fallen lässt oder ob sie nicht dabei sind und die Rechtsklage aufrechterhalten. Damit können wir Entscheidungen treffen in einem Umfeld, von dem wir wissen, dass sie nicht dazugehören.
 
Es heisst, GGYC habe angeboten, die Rechtsklage zurückzuziehen, falls die akzeptierten Änderungen der Regel umgesetzt würden... Welche Regeln sind betroffen und weshalb sind die Änderungen nun offenbar inakzeptabel?
Ich gebe Ihnen die Liste der fünf Forderungen... Es gibt einige Punkte, die diskutiert wurden und auf die ich nicht zurückkommen werde, da sie schon hinlänglich beschrieben wurden. Die fünf Punkte, mit denen sie in den Gesprächen am Montagabend kamen, sind: Sie hatten Bedenken betreffend die Möglichkeiten, ein Boot auszutauschen. Sie haben nicht verstanden, wie das funktionieren sollte, und sie wollten einige Formulierungen in den Wettkampfregeln ergänzen. Sie wollten weiter ein System mit Sicherheiten ergänzen, das heisst, dass das beste Team in der Challenger Selection Series mehr Segel erhalten soll. Sie wollten das CSS-System modifizieren. Sie wollten ebenfalls Zwei-Boote-Tests ab 1. März 2009 erlauben, dies ist der Hauptpunkt, den ich bereits erwähnte. Und sie wollten weiter das Verbot, im August zu segeln, aufheben, das sich an die „No-sail“-Periode im Formula 1 Racing anlehnt. Dies sind die neuen Punkte, dazu kamen weitere Punkte, die bereits früher diskutiert worden waren und die hier nicht weiter besprochen werden sollen.
 
Die Class Rule und auch die Wettkampfregeln wurden von der Gruppe von Challengern im 33. America’s Cup verabschiedet. Kann Alinghi darüber mit einer dritten Partei verhandeln, die nicht einmal gemeldet ist für den Wettkampf?
Nein, Alinghi kann diese Punkte nicht verhandeln. Wenn irgendjemand aus irgendeinem Grund die Wettkampf- oder Eventregeln oder die Class Rules modifizieren müsste, so könnte dies nur durch das AC Management und nach einem Konsultationsprozess erfolgen. Es hat also nichts mit Alinghi zu tun. Dazu kommt: Weshalb sollten wir, nur weil BMW Oracle mit einer oder zwei Regeln nicht einverstanden ist, die Regeln ändern, die einen guten Kompromiss aus den Anforderungen aller Mitbewerber darstellen und von allen verabschiedet wurden? Weshalb sind Regeln, die für einige Teams gut sind, nicht gut genug für BMW Oracle?
 
Werden Sie Ihren Standpunkt ändern und weitere Verhandlungen führen – wie der GGYC offensichtlich hofft?
Nein, das werden wir nicht. Es gibt ein klares Ultimatum und es geht jetzt nicht um weitere Verhandlungen, sondern es geht darum, dass sie sich entscheiden, ob sie mitmachen wollen und ob sie die Rechtsklage zurückziehen.
 
Russell Coutts behauptet in seinem Brief, dass sie hätten wissen müssen, dass das Ultimatum zurückgewiesen werden würde. Ist das wahr?
Nein. Wie hätten wir das wissen sollen? Zudem ist das Ultimatum ja gar noch nicht abgelaufen, also können sie sich immer noch anmelden. Wie sollte ich wissen, was sie tun? Was ich dagegen weiss, ist, dass es so nicht weitergehen kann. Jedes Mal wenn wir einen kleinen Fortschritt in den Verhandlungen erzielen, kommt Russell mit weiteren Punkten. Wenn das seine Art ist, Verhandlungen zu führen, gut. Aber wir können so nicht verhandeln und da wir dieses Vorgehen nun mehrere Male gesehen haben, haben wir entscheiden, dass es Zeit ist, die Verhandlungen zu beenden. Sie müssen sich entscheiden, sie kennen die Regeln. Wenn sie sich anmelden wollen, dann können sie sich anmelden.
 
Hat Alinghi entschieden, wie Coutts festhält, dass das Team nicht 2009 um den Cup segeln will?
Das ist schlicht falsch. Wir hoffen, wir können den Cup 2009 durchführen, aber damit das möglich ist, muss diese Ungewissheit geklärt werden. Und der einzige Weg, diese Unsicherheit zu eliminieren, besteht darin, dass BMW Oracle seine Rechtsklage zurückzieht und dem Wettbewerb beitritt.
 
Was ist der nächste Schritt?
Der nächste Schritt ist nun, auf die Antwort von BOR zu warten, die vor Ablauf der Frist am Freitag erfolgen muss. Wenn sie nicht antworten oder sich nicht anmelden oder ihre Rechtsklage nicht fallen lassen, wird das AC Management die Situation nächste Woche neu beurteilen. Sie werden evaluieren, ob eine Regatta im Jahr 2009 noch möglich ist. Eine Entscheidung muss sehr bald nach Ablauf der Frist getroffen werden.
 
Gibt es etwas, das sie noch hinzufügen möchten für die Segelmedien und die Öffentlichkeit, die sich offensichtlich sehr für die Situation interessieren?
Ich möchte nur noch eines ergänzen: Ich appelliere nochmals an BMW Oracle, dass sie, im Interesse des America’s Cup und der Zukunft des Cups, Vernunft walten lassen, ihre Rechtsklage in New York fallen lassen und sich für den Wettbewerb anmelden. Ich hoffe immer noch, dass sie dies vor Freitagabend tun werden.
 

Quelle Alinghi 14.11.2007

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